von innuendods

Der erste Stammtisch für die „Next Generation“ liegt schon ein paar Wochen hinter uns. Das war ein guter Abend.

Mein erster Gedanke, als mein Arzt vor etwa 1,5 Jahren den Verdacht Parkinson äußerte, war, dass das doch nur alte Menschen bekommen. Mit Ausnahme von Michael J. Fox. Aber an den denkt man in dem Moment nicht. Man ist mit sich selbst beschäftigt und damit, was das für die Zukunft bedeuten wird.

Sucht man eine Weile danach nach Selbsthilfegruppen, ist es nicht viel anders, als wenn man eine neue Sportart beginnt. Man selbst steht am Anfang, viele andere sind schon weiter. Beim Sport betrachtet man die Erfahrenen als Motivation. Man denkt, da will ich auch hinkommen. Aber bei Parkinson? Da steht erstmal Angst im Vordergrund. Angst vor dem großen Unbekannten der Krankheit. Angst hinzugehen, zu sehen, wie es sich vielleicht entwickeln kann. Und klar will man, was das eigene Krankheitsbild betrifft, eher langsam machen, doch die Erfahrenen als Motivation zu betrachten, einen Weg zu finden, mit unserem Buddy Parkinson umzugehen, kann eben auch ein Weg sein. Man muss die Erfahrungen nur richtig dosieren.

Der Stammtisch „Next Generation“, der via ZOOM online stattfand, machte vorher auch Angst. Wer wird da sein? Wie sind die anderen so drauf? Und dann schaltete ich mich hinzu und alles war gut. Eine angenehme Atmosphäre und schon die Vorstellungsrunde zeigte Gemeinsamkeiten, aber eben auch die unterschiedlichen Ausprägungen der Krankheit und Wege, damit umzugehen. Der Austausch mit ungefähr gleichaltrigen Menschen, die teilweise in ähnlichen Lebenssituationen stecken wie ich, war etwas Besonderes. Hinzu kamen wichtige und bereichernde Erfahrungen von ein paar „Alten“, die sich auch in den ersten Stammtisch ein wenig mit einbrachten und Mut machten. Ein digitales Mehrgenerationenhaus könnte man sagen.

Nach gut zwei Stunden im ZOOM-Stammtisch war ich hundemüde, konnte mich aber dennoch von dem Austausch nicht losreißen und blieb noch eine weitere Stunde. In der Nacht lag ich lange und oft wach und verarbeitete die Eindrücke. Es entstand das folgende Gedicht:

Fast drei Stunden und doch die ganze Nacht

Ich blicke zum Fenster raus.
5:35 Uhr.
Die Welt, sie ist nass und ganz schön grau.
Das Tageslicht kämpft sich den Weg.

Fast drei Stunden und doch die ganze Nacht.
Korrekturen. Vom Schreibtisch direkt ins Bett.
Nie ne gute Idee. Man weiß das.
Stammtisch. Vom Laptop direkt ins Bett.
Keine gute Idee. Weiß ich jetzt.

Nach einem Konzert sitzt man auch noch kurz zusammen, denkt über den Abend nach. Sagt, das war gut, das war stark.
Warum nicht gestern Abend?
Muss doch ins Bett. Ganz schnell. Fit sein für den nächsten Tag.

Unruhige Nacht.
„Gedanken hören nicht zu denken auf“, sangen die Toten Hosen einst.
Habe Angst.
Im Traum geht mein Körper alles durch.
Rigoros der Rigor.
Tremor im ganzen Körper.
Nur ein Traum.
Wache auf. 1:23 Uhr.

Könnte jetzt staubsaugen. Ach, nein, viel zu laut.
Blicke zur Gitarre. Lange nicht geübt.
Das Tremolo des letzten Stücks.
Es sollte jetzt gelingen.

Drehe mich um. Halte die Hand meiner Frau.
Beruhigt. Schlafe wieder ein.

Wälze mich hin und her. Ich muss doch schlafen. Ganz schnell. Fit sein für den nächsten Tag.
„Die Gedanken hören nicht zu denken auf.“
Denken an den schönen Abend.
Positives Denken. Liebe Menschen.
Und doch macht es alles ganz präsent.

Blicke auf die Uhr. 3:34 Uhr.
Spotify Release Radar. Ein „neuer“ Song von Johnny Cash.
Well alright.
Ich schlafe wieder ein.
Well alright.

Die Gedanken kreisen, hören nicht zu denken auf.
Freude auf den nächsten Stammtisch.
Doch vielleicht ein Spaziergang danach.
Wache wieder auf. Und bin doch nicht wach.
Alles ist immer und immer wieder im Wandel.
Im Prozess.
Etwas mehr als ein Jahr. Die Diagnose.
Wann kommt sie wirklich bei mir an?
Alles immer Verarbeitung.

Es braucht Zeit. Ich blicke zur Uhr. Wie spät ist es?
Die Gedanken stelle ich jetzt aus.
Es ist 5:35 Uhr, stehe jetzt auf.

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