Leben mit Parkinson: Einfach anders – und lebendig!

Ein Fremdenführer in Graz.

Wie viel Veränderung bringt Parkinson mit sich? Man bleibt doch wer man ist, oder nicht? Unser Mitglied Martin hat gerade eine neue Karriere als Fremdenführer in Graz begonnen, als er sich durch die Diagnose mit diesen Fragen konfrontiert sieht. Ein Text darüber, dass Parkinson neue Perspektiven auf die Welt und auf sich selbst ermöglicht, auch wenn die Schwere der Krankheit einen immer wieder einholt. Seine Diagnose bekam Martin im Jahr 2021. 

Da stimmt was nicht 

Als ich die Diagnose Parkinson bekam, war es knapp ein Monat vor meinem 36. Geburtstag. Etwa ein Jahr zuvor hatte ich meinen langjährigen Bürojob hinter mir gelassen – nicht aus Überdruss, sondern mit dem Wunsch, noch einmal neu anzufangen. Ich wollte Menschen begleiten, Geschichten erzählen, als Fremdenführer durch meine Heimatstadt Graz führen. Es war ein Aufbruch. Und gleichzeitig begann etwas, das ich damals noch nicht benennen konnte. 

Rückblickend wirkt vieles wie ein seltsames Puzzle: Ein Zittern in der linken Hand, das kam und ging. Verspannungen, die hartnäckig blieben. Müdigkeit zu seltsamen Zeiten. Ich habe es auf Stress geschoben, auf schlechte Haltung, auf zu wenig Schlaf. Aber irgendwo in mir wuchs das Gefühl: Da stimmt etwas nicht. 

Der Weg zur Diagnose war nicht lang, aber fordernd. Innerhalb weniger Tage durchlief ich gefühlt ein Dutzend Tests – Blutwerte, MRT, nuklearmedizinische Untersuchungen. Was als leichte Unruhe begann, wurde plötzlich ernst. Und als schließlich das Wort „Parkinson“ fiel, war es ein Moment, der alles veränderte. Ich war erschrocken. Und gleichzeitig war da diese seltsame Klarheit. Ich wusste jetzt, womit ich es zu tun hatte. 

Ein Mann liegt im MRT/CT

Was sich ändert und was bleibt 

Seit der Diagnose hat sich vieles verändert – und gleichzeitig auch nicht. Ich bin noch immer ich. Mit meinen Interessen, meiner Neugier, meiner Liebe zu Stadtgeschichte und Sprache. Aber der Alltag hat eine neue Tiefe bekommen. Manche Dinge kosten mehr Kraft – körperlich wie mental. Ich denke genauer darüber nach, wie ich meinen Tag gestalte, wie viel ich mir zumuten kann und wann es besser ist, Pausen zuzulassen. Parkinson begleitet mich – manchmal leise, manchmal spürbar. 

Was sich besonders verändert hat, ist mein Blick auf die Zeit. Ich plane bewusster, lasse mir mehr Raum für Unerwartetes. Ich nehme Menschen anders wahr – achtsamer, oft auch verständnisvoller. Und ich nehme mich selbst ernster. Früher hätte ich vieles weggelächelt. Heute sage ich klarer, was geht und was nicht. Nicht aus Schwäche, sondern weil ich gelernt habe, dass Grenzen auch eine Form von Stärke sind. 

Natürlich gibt es Tage, an denen mich die Diagnose überrollt. Aber es gibt auch viele Momente, in denen ich spüre: Ich bin nicht allein. Ich bin unterwegs. Anders vielleicht – aber nicht weniger lebendig. 

Ein Fremdenführer in Graz.

Auf der Suche nach dem richtigen Weg 

Ich glaube, das Wichtigste ist: Nicht zu streng mit sich zu sein. Es gibt keinen Masterplan, wie man mit dieser Diagnose umgehen soll – und das ist okay. Manches braucht einfach Zeit. Manches bleibt schwer. Und manches gelingt auf einmal besser, als man gedacht hätte. 

Was mir geholfen hat, war, mich nicht zu verschließen. Mich langsam wieder zu öffnen – für Gespräche, für andere Perspektiven, für Gemeinschaft. Die NextGen-Community war dabei ein wichtiger Schritt. Kein Heilsversprechen, aber ein ehrlicher Raum. Ein Ort, an dem nicht alles erklärt werden muss. Und das allein macht schon vieles leichter. 

Ich kann niemandem sagen, was der richtige Weg ist. Aber ich weiß: Es tut gut, sich auf die Suche zu machen – nach Menschen, nach Worten, nach dem eigenen Rhythmus im neuen Alltag. Vielleicht beginnt genau dort wieder etwas – nicht wie früher, aber auch nicht schlechter. Einfach anders. Und lebendig. 

Ein Mann trinkt entspannt einen Kaffee in einem Grazer Café.

Willst du mehr persönliche Berichte wie „Leben mit Parkinson: Einfach anders – und lebendig!“ lesen? Dann schau hier in unsere Blogreihe „Junger Parkinson wird sichtbar!„

Kommentare

4 Kommentare zu „Leben mit Parkinson: Einfach anders – und lebendig!“

  1. Tönnies

    Schön, lieber Martin, dich in deinem Graz zu sehen. Macht fast Lust, in diesem Leben einmal noch Graz zu besuchen – und dann mit einer Führung mit dir.
    Das mit dem Rhythmus geht mir noch nach. Wie wichtig, das weiß ich inzwischen, ist es, einen Rhythmus zu haben. Wie Stufen einer Treppe.
    Zugleich bringt die Neueinstellung des Rhythmus‘ mein Umfeld nicht selten ins Stolpern.
    Vielleicht sehen wir uns am 28. Sehen und hören = Zoom

  2. Elke-Ines

    Prima. Und vielen lieben Dank für deine offenen Worte. Das Problem oder auch eben der Vorteil unserer Erkrankung ist, dass sie nicht zwingend „erkennbar“ ist. Das macht es selbst uns, als Erkrankte, oft schwer, Symptome zu deuten und den Alltag, wie du es so schon beschrieben hast, an den vorhandenen körperlichen und mentalen Ressourcen anzupassen.
    Aber es wird besser ….. 🙂

  3. Melanie

    Vielen dank für deine Worte und Gedanken. Das hätte teilweise tatsächlich auch von mir sein können. Wir gehen alle auf so unterschiedlichen Wegen mit Parkinson, genauso wie vor der Diagnose auch. Jeder findet seinen Weg und manchmal ist es dabei auch völlig okay rechts oder links abzubiegen, um neue Wege zu gehen oder um sich zu vergewissern, dass der alte Weg genau der richtige ist.

  4. Eva

    Ein herzliches Servus nach Graz, toll dass du so einen positiven Einblick gibst auf den Neuanfang.
    Bleib so. Alles Gute!

    LG, Eva

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