Ozzy ist tot 

Teil 1 unserer Reihe „Junger Parkinson wird sichtbar!“

Anlässlich der Nachricht vom Tod Ozzy Osbournes setzt unser Mitglied innuendods zu einem Rundumschlag an. In einer Art Nachruf an die zu Lebzeiten an Parkinson erkrankte Heavy Metal Ikone reflektiert er, welche positive Kraft in der Musik liegt und wie verbreitet die Unwissenheit über die Krankheit ist. Er erzählt von Schock und Aktionismus nach der eigenen Diagnose – und vom Ärger des Schlappfußes, der ihn davon abhält, nur mal eben um die Ecke zum Bäcker zu gehen. 

Im Moshpit mit Parkinson 

Ozzy ist tot. Er hatte Parkinson. Ozzy Osbourne hatte aber auch alle möglichen anderen Dinge. Viele sagen, dass es an ein Wunder grenze, dass er überhaupt 76 Jahre alt wurde. Als ich 2020 im Rolling Stone Magazine las, dass Ozzy Osbourne Parkinson habe, dachte ich nur, ah ja, hat er aber sicher schon länger. Wie lange der Parkinson in einem steckt, weiß man ja nie so genau, Ozzy sicherlich auch nicht. 

Meine Diagnose kam 2023. Mit 36 Jahren. Ozzy machte mit 72 Jahren seine Diagnose öffentlich. 36 Jahre. Sonst habe ich vermutlich wenig gemein mit Ozzy Osbourne. 2001 kam Dreamer raus und lief in Dauerschleife auf VIVA+. Bei der MTV-Reality Soap „The Osbournes“ hatte ich immer das Gefühl, Ozzy sei da schon 76. Ich fragte mich immer, wie er es schaffte, auf Tour zu gehen. Damals schon. Doch Musik bedeutet Leben. Musik gibt Kraft. Und so geht es mir auch. Auf Konzerten, auf denen man sich viel bewegt, im Moshpit geht es mir einfach gut ich kann den Parkinson vergessen. Komme ich zum Stillstand, stehe ich still, dann ist er da. Doch die Musik lässt mich leben. Mehr als sonst. 

Mann mit Parkinson im Moshpit auf einem Konzert von Ozzy Osbourne.

 

Aber heißt das, dass man sonst nicht lebt? 

Ich bin noch verhältnismäßig jung. Die Krankheit betrifft, bis auf wenige Ausnahmen wie Michael J.Fox, nur ältere Menschen. Dachte ich zumindest bis zu dem Zeitpunkt als mein Arzt mir die Diagnose mitteilte. Ungefähr ein Jahr brauchte ich, um beim Arzt nicht mehr danach zu fragen, ob er mir meine Einschränkungen, die ich täglich selbst wahrnahm, nochmal an mir demonstrieren könnte. Nach außen kann man leicht einen selbstsicheren Umgang mit der Krankheit suggerieren. Doch innerlich führt die Seele einen ewigen Kampf. Aus Angst vor Veränderungen, die kommen, aus Angst vor der Unplanbarkeit. Aus Angst vor Scham, aus Angst irgendwann den Alltag, die Arbeit, die Dinge, die man gerne macht, nicht mehr zu können.  

Machen, machen, machen nach der Diagnose  

Ich stürzte mich in alles. Sport, viel Sport. Tischtennis (PingPongParkinson), Ernährungsberatung und Podcast. Tischtennis hängte ich nach drei Wochen wieder an den Haken. Wunderbare Menschen, aber zu dem Zeitpunkt war es zu früh für mich. Ernährungsberatung und die Empfehlungen zog ich ein halbes Jahr durch. Alles andere an Sport (Krafttraining, Radfahren, Joggen) normalisierte sich, sobald der Alltag sich auch wieder etwas normalisierte. 

Vom Podcast „Jetzt erst recht“ hämmerte ich mir alle bis dahin erschienen Folgen rein. Ein wahnsinnig guter und wichtiger Podcast. Und dennoch: Überdosis. Es gibt noch ein paar weitere Podcasts, in alle höre ich ab und zu mal rein, aber nicht mehr so regelmäßig. 

Wieder klarkommen 

Ich meldete mich in einem Parkinson-Online-Selbsthilfeforum an – unserem Forum. Und ich schaute nach der Anmeldung über ein halbes Jahr nicht mehr hinein. Doch mittlerweile ist es ein guter Wegbegleiter, dieses Forum.  Es sind viele Menschen, die einen verstehen, obwohl man sich selbst nicht versteht. Regelmäßige Stammtische mit den jungen Leuten unter 60. Ozzy Osbourne hätte da nicht reingepasst. Er war ja schon über 60. Aber ich glaube, so ein Onlineforum wäre ohnehin nichts für ihn gewesen. Ozzy trat wesentlich weniger in den letzten Jahren auf. Gesundheitliche Gründe. Dennoch kamen regelmäßig neue Songs und Alben heraus. Auf dem Album „Ordinary Man“ aus dem Jahr 2020 gab es ein Duett mit Elton John. Das Musikvideo dazu, genau wie das Video zu „Under the Graveyard“, sind Spielfilme in Kurzform. 

Mann mit Parkinson spielt fröhlich Tischtennis.

Ozzy hat weitergearbeitet, so gut und so viel es ging. Das, was wir tun, das, was wir können, treibt uns an. Seit der Diagnose, nach einer ersten Phase des Überhauptklarkommens, trete ich wieder regelmäßig mit meinen Geschichten auf Bühnen auf und das tut gut. Doch habe ich auf dem Weg zum Veranstaltungsort nicht nachgedacht, und bin zu Fuß hingegangen, kann der Rückweg ordentlich quälen. Der linke Fuß lässt sich nur schwer steuern, er zieht zur Seite, schleift über den Boden, ich stolpere. Ich versuche schneller zu gehen. Das funktioniert. Eine gewisse Weile. Zu meiner und der Verwunderung einiger anderer geht schnelles Bewegen häufig besser. Aber will man immer seiner Partnerin beim Spaziergang davonrennen? Will man immer darauf hinweisen, dass das Gehen heute schlechter ist? Als Bestätigung, dass man sich diese Scheiße nicht einbildet und anderen etwas vorgaukelt?  

Leben und träumen im neuen Alltag  

Was mir immer wieder auffällt, ist die Tatsache, dass viele Menschen in meinem Umfeld, genau wie ich zuvor, keine Ahnung von der Krankheit haben. Manche haben mal von dem gehört, der wen kennt, der von wem gehört hat, der wen kennt, und dem geht es ja richtig gut. Man muss nur richtig eingestellt sein. Doch was heißt eigentlich richtig eingestellt? Heißt es, dass alles wie früher ist, heißt es, dass man seinen Job schafft und danach, am Nachmittag, nichts mehr packt? Und warum sagt niemand, dass bis zur richtigen Einstellung auch Jahre vergehen können. Und dann muss es wieder angepasst werden. Ein ewiger Prozess. Darüber hinaus heißt es mit dieser Krankheit (wie auch mit vielen anderen chronischen Erkrankungen) zu lernen, wie läuft das, wenn man plötzlich täglich mehrfach Tabletten nehmen muss und dabei auch noch auf Essenszeiten achten muss. Wie bereitet man sich auf Arztbesuche vor und wie schafft man es, sich nicht zu ärgern, wenn der Besuch anders lief, als gedacht, wie bekommt man es hin, nicht zu weinen, wenn man gerade mal nicht mal ohne Anstrengung den Weg ums Eck zum Bäcker schafft. Und wie schafft man es zu weinen, einfach weil das auch wichtig ist.  

Vieles, was diese Krankheit ausmacht, kann man nicht auf zwei Seiten beschreiben. Ein Buch, oder zwei. Mein Buch ist frühestens auf der Hälfte. Da geht noch was, ich habe viel vor. Und mit der Diagnose im Gepäck gehe ich umso mehr an. Doch eines, das geht nun nicht mehr. Ich wollte immer mal zu einem Ozzy Osbourne Konzert. Als Jugendlicher, als es organisatorisch völlig ausgeschlossen war, studierte ich immer in Musikzeitschriften die Tourdaten. Einmal wollte ich nach Bern zu einem Konzert, völlig unrealistisch mit 14 aus dem Norden von Deutschland. Das erste Album, das ich besaß, war „Down to Earth“, ich holte es wegen „Dreamer“ und fand alle anderen Songs viel besser. Danach setzte ich mich mehr mit ihm und seiner Musik auseinander. „Crazy train“ läuft an manchen Tagen zigmal über die Anlage. 

„Ordinary Man“ war das letzte Album, das ich erstand. Es hat eine Schwere. Musikalisch vielleicht nicht das Beste, aber mich berührt es sehr. Und dann kam vor zwei Wochen dieses Konzert. Und ich war wieder gerührt, wie Ozzy seinen Bühnenabschied feierte. Musik hält uns am Leben. Und Musik gibt Kraft und Energie. Mit Parkinson. Und ohne Parkinson. Bis das Leben uns nicht mehr hält.

Gute Reise, Ozzy. 

Mann mit Parkinson steht fragend mit Tabletten vor einem Spiegel.

Willst du mehr persönliche Berichte wie Ozzy ist tot lesen? Dann schau hier in unsere Blogreihe „Junger Parkinson wird sichtbar!

Kommentare

4 Kommentare zu „Ozzy ist tot “

  1. Gisi

    Ich bin begeistert von deiner Schreibweise und der tollen idee
    dahinter.
    Ich kann kaum den 2. Teil erwarten.

    1. Innuendods

      Danke für dein Feedback. Das freut mich.

  2. Maria Weidenfeller

    Ich sage nur „Chapeau“, innuendods!
    Toll und sehr offen geschrieben!
    Danke sagt
    Brianna

  3. Eva

    Vielen Dank dafür! Toll liest sich das, und in einigen Dingen erkenne ich mich wieder….
    Alles Gute!

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